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Transcript

HAMBURG - eine poetische selbstbetrachtung

Hamburg

meine Perle

Wolfgang Borchert

ENNO BUNGER

Optionaler Arbeitsauftrag:

Informiere dich über das Leben und Werk Borcherts in der Dokumentation "Wolfgang Borchert - ein Portrait.



Wolfgang Borchert – Leben, Werk, historische Hintergründe

M 1: Biographie Borcherts

1921: Am 20. Mai wird Wolfgang Borchert als einziger Sohn vom Hertha Borchert, Hausfrau und später Verfasserin plattdeutscher Geschichten, und des Lehrers Fritz Borchert in Hamburg-Eppendorf geboren. Er gehörte einer Generation an, die durch den Zeitpunkt ihrer Geburt, doppelt mit den Auswirkungen von Krieg konfrontiert wurde: Die Auswirkungen des 1. Weltkrieges, dessen Ende erst drei Jahre zurück lag, waren noch deutlich spürbar. In fast jeder Familie gab es gefallene oder kriegsversehrte Söhne und Väter. Die Weimarer Republik, 1919 aus den Wahlen zur Nationalversammlung entstanden, bot der Bevölkerung keine genügende Orientierung. Sie war Unterwanderungen ehemaliger Generäle ausgeliefert und wurde schließlich von der Hitlerdiktatur überrannt — nur zwanzig Jahre später wurde jeder Mann aus Borcherts Generation und schließlich auch die, die noch Kinder waren, zu Hitlers Soldaten.
1928-38: Volksschule, Oberrealschule, verlässt die Schule nach Abschluss der 11. Klasse
1939-41: Auf Verlangen seiner Eltern Buchhändlerlehre bei Heinrich Boysen (1939), nebenbei Schauspielunterricht bei Helmuth Gmelin; 1940 Abbruch der Lehre und Bestehen der Schauspiel-Abschlussprüfung; März 1941 Engagement bei der Landesbühne Osthannover, das er jedoch bereits im Juni wieder beenden musste, da er zum Kriegsdienst eingezogen wurde; Einsatz an der Ostfront
1942 : Verwundung an linker Hand, zwei Gerichtsverfahren gegen Borchert: Unter dem Verdacht, sich die Schussverletzung an der linken Hand selbst beigebracht zu haben, wurde er der Wehrkraftzersetzung angeklagt. Die Gerichtsverhandlung fand nach drei Monaten Einzelhaft, im Untersuchungsgefängnis Nürnberg statt. Der Anklagevertreter forderte die Todesstrafe, das Gericht sprach ihn am 31. Juli jedoch frei; nach Freispruch sofort erneut verhaftet wegen ‘staatsfeindlicher Äußerungen’. Urteil: 4 Monate Gefängnis, auf Borcherts Wunsch umgewandelt in sechs Wochen verschärfte Haft und „Frontbewährung“. Ende 1942 zurück an die Front. Im Dezember 1942 wurde er als Melder in den Panzerkämpfen um Toropez (Russland) eingesetzt, er zog sich Fußerfrierungen zu, wurde erneut ins Lazarett überstellt, wo er sich schließlich mit Gelbsucht und Fleckfieber infizierte, Anfang 1943 erfolgte die Verlegung in das Seuchenlazarett Smolensk, im März die weitere in das Reservelazarett Elend (Harz).
1945 Mai: Gefangen durch französische Truppen bei Frankfurt a.M., Borchert entkommt, marschiert 600 km zurück nach Hamburg. Dort arbeitet er als Kabarettist, Regieassistent bei Gmelin (Nathan der Weise). Ab Oktober erlaubt seine Krankheit ihm nicht mehr das Haus zu verlassen, er bleibt ans Bett gefesselt;
1946: Bis zum Ende des Jahres entstehen in rascher Folge etwa 20 Prosastücke. Im Dezember 1946 veröffentlicht er die Gedichtsammlung Laterne, Nacht und Sterne mit Gedichten aus der Zeit zwischen 1940 und 1945, es folgen weitere Werke, darunter ca. 20 Kurzgeschichten und das bekannte Drama „Draußen vor der Tür.
1947: Bei einem Kuraufenthalt in Basel (Schweiz) erliegt er seiner Leberkrankheit im dortigen Clara-Spital. Einen Tag nach seinem Tod wurde Draußen vor der Tür, zuvor als Hörspiel gesendet, am 21. November 1947 in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Nach Borcherts Tod wurde noch der Nachlassband Die traurigen Geranien veröffentlicht. Beigesetzt wurde Wolfgang Borchert auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf in Hamburg.


(Quelle: http://www1.uni-hamburg.de/Borchert//, verändert)


M 2: Die Nachkriegszeit –historische Hintergründe

Der Beginn der „Nachkriegszeit“ wird oftmals mit der suggestiven Behauptung einer „Stunde Null“ verknüpft. Sie bezieht sich auf die bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und den vollständigen Zusammenbruch des NS-Staates, die die Chance zu einem voraussetzungslosen Neuanfang geboten hätten. Die Bezeichnung führt jedoch in die Irre, weil die Metapher „Stunde Null“ in Bezug auf die mentale Lage der Bevölkerung den völligen Untergang der bis dahin vorherrschenden und von der nationalsozialistischen Propaganda aufgenommenen und umgeprägten Lebensentwürfe suggeriert. Dies war keinesfalls so. Viele soziale Verhaltensweisen und Denkstrukturen der Menschen, die das Dritte Reich erlebt hatten, blieben in „West-“ wie in „Ostdeutschland“ zunächst erhalten. […] Die Nachkriegszeit kann sodann in der im Entstehen begriffenen Bundesrepublik in zwei Abschnitte geteilt werden: Erstens in die sogenannte „Schlechte Zeit“: Hunger, Kälte, Mangelkrankheiten, Trümmerlandschaften bis zur Währungsreform vom 21. Juni 1948 und zweitens in das „Wirtschaftswunder“.
Die allgemeine Lebensmittelversorgung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren war schlecht und man bekam nicht genug zu essen. Viele Menschen starben in den ersten Wochen an Hunger oder Durst – insbesondere Säuglinge und Kleinkinder, weil keine Milch vorhanden war. Die Durchschnittsversorgung pro Tag erreichte z. B. in Bayern gerade 1000 Kalorien. Die „Cooperative for American Remittances for Europe“ (CARE) schickte Versorgungs-Pakete, aber bis zum 5. Juni 1946 war es verboten, CARE-Pakete nach Deutschland zu schicken. Als Teil der Bestrafungsphilosophie wurde US-Truppen die Bereitstellung von Hilfe, insbesondere von Nahrungsmitteln an hungrige Deutsche verboten. Amerikanische Haushalte im besetzten Deutschland wurden angewiesen, deutschen Hausangestellten keine Speisereste zu überlassen; alle überschüssigen Lebensmittel mussten vernichtet oder ungenießbar gemacht werden. Die alliierten Besatzungsmächte gaben in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten aus, die entsprechend der Schwere der Arbeit in Verbrauchergruppen (Kategorien) von I bis V eingestuft wurden. Die dafür ausgegebenen Rationen wurden wöchentlich neu entsprechend den Möglichkeiten festgelegt.
Die wirtschaftliche Lage in Deutschland verbesserte sich in den Folgejahren dank eines vom US-Außenminister George C. Marshall 1947 vorgestellten Wirtschaftsförderprogramms für Gesamteuropa. Nun hieß es: „Für ein geordnetes und blühendes Europa sind die wirtschaftlichen Beiträge eines stabilen und produktiven Deutschlands ebenso notwendig wie die Beschränkungen, die die Garantie geben sollen, dass der destruktive Militarismus in Deutschland nicht wieder aufleben kann.“

Im Rahmen des als Marshall-Plans bekannt gewordenen Wirtschaftswiederaufbauprogramms (offiziell: European Recovery Program (kurz ERP)) erhielt Westdeutschland von 1948 bis 1952 Kredite im Wert von ca. 1,4 Milliarden US-Dollar von den USA sowie Rohstoffe, Lebensmittel und andere Waren, was zu einem Wiederaufblühen der Wirtschaft führte und schließlich das deutsche Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre einleitete.


Arbeitsauftrag (Partnerarbeit):

Lest euch die Biografie von Wolfgang Borchert und die Informationen zur Nachkriegszeit aufmerksam durch. Verfasst im Anschluss ein Interview mit dem der sog. Trümmerliteratur zuzuordnenden Hamburger Schriftsteller. Schlüpft dazu in die Rollen eines Reporters und des Schriftstellers und formuliert Fragen und Antworten zum Leben und Werk Borcherts sowie den zeitlichen Umständen, in denen er lebte (basierend auf den Angaben aus den Materialien M 1 und M 2). Bereitet euch darauf vor, das Interview in Form eines Rollenspiels vorzuspielen.

Arbeitsauftrag (Einzel- oder Partnerarbeit) :

1. Schau dir das Video zum Song "Hamburg" an. Nutze dazu Kopfhörer. Hast du dir die Vertonung des Gedichts so vorgestellt? Wie gefällt dir dr der Song im späteren Verlauf (ab ca. Minute 03:40- Ende).

2. Warum erscheint Hamburg für das lyrische Ich lebenswert? Formuliere ausgehend von deinen Überlegungen eine weitere Strophe zu Enno Bungers Song "HAMBURG".



Video: live im Hamburger Uebel & Gefährlich, 28.11.2015

Wolfgang Borchert – ein Hamburger Dichter dichtet über Hamburg


Wolfgang Borchert: In Hamburg
(aus der Sammlung: Laterne, Nacht und Sterne, 1946)


In Hamburg ist die Nacht
nicht wie in andern Städten
die sanfte blaue Frau,
in Hamburg ist sie grau
und hält bei denen, die nicht beten,
im Regen Wacht.

In Hamburg wohnt die Nacht
in allen Hafenschänken
und trägt die Röcke leicht,
sie kuppelt, spukt und schleicht,
wenn es auf schmalen Bänken
sich liebt und lacht.

In Hamburg kann die Nacht
nicht süße Melodien summen
mit Nachtigallentönen,
sie weiß, daß uns das Lied der Schiffssirenen,
die aus dem Hafen stadtwärts brummen,
genau so selig macht.


Wolfgang Borchert: Hamburg (o.D.)


Zwischen grünen Kirchturmsmützen

Wie mit feingemalter Kunst

Ragen Dächer, Giebelspitzen

In den blauen Hafendunst.


Auf den schmalen, alten Fleeten

Ziehen schwerbeladen Schuten -

Manchmal hörst du wie Trompeten

Fern die großen Dampfer tuten.


Hör des Hafens Orgelbrausen,

Möwenschreien hin und her!

Wenn die steifen Winde sausen,

riechst du schon das weite Meer.


In den blauen Hafendunst

Ragen Dächer, Giebelspitzen,

wie mit feingemalter Kunst

zwischen grünen Kirchturmsmützen.



Arbeitsaufträge (Einzelarbeit):

1. Lies dir beide Borchert Gedichte zu Hamburg durch. Wähle eines zur genaueren Analyse aus.

  • Fasse das Gedicht inhaltlich zusammen. Gehe dabei ggf. strophenweise vor. (Hinweis: Prüfe bei jeder Strophe, ob sich eine der W-Fragen ändert. Diese Änderung könnte ein Hinweis auf einen Umschwung o.ä. sein.)
  • Welches Bild entsteht in dem von dir ausgewählten Gedicht von „Hamburg“? Markiere dafür passende Stellen im Text oder schreibe sie heraus.
  • Analysiere die äußere Form des Gedichts (Strophenzahl, Verseinteilung, Reimordnung, Metrum). Ist etwas auffällig? Lässt sich daraus eine Wirkungsabsicht vor dem Hintergrund des Inhalts und/ oder der Stimmung/ Atmosphäre ableiten?
  • Welche sprachlich-stilistische Mittel werden verwendet? Welche Wirkung verfolgt der Dichter vor dem Hintergrund des Inhalts bzw. der Stimmung mit ihnen?

2. Erstelle eine Tabelle, in der du Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Bungers „Hamburg" zu Borcherts „Hamburg" aufzeigst. Such dir drei geeignete Aspekte, wie z. B. Thema, lyrisches Ich, Stimmung, Formales, Selbstbild, Fremdbild, sprachliche Gestaltung...



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Kräne spielen Tetris mit bedruckten, bunten Quadern,
Jeder Blick zieht wie magnetisch auf die Hafenpromenade,
Ewig heulen die Sirenen, jemand hat ein Loch im Magen,
Kleine Kratzer, viele Risse neben schicken Stuckfassaden.
Ich bin angekommen, sage nur noch "Moin" statt "Hallo".
Lange Warteschlangen schlängeln sich vom Deich bis zum Dom.
Männer, Frauen, Kinder, ja, ich weiß schon wieso,
Alle warten auf 'ne Wohnung, warten auf Godot.
Paranoid wie ich bin, werde von meinem Glück verfolgt.
Treffe einen Typ auf dem Kiez, bis über beide Ohren voll.
Er schreit: "Ich geb dir einen Tipp, aber bitte niemandem weitersagen,
Willst du eine Bleibe haben, folge einem Leichenwagen
!“


Wo aus jedem Grau ein Silber wird,
Wo mein Leben so viel wilder wird,
Wo dein Hafen ein Stück Heimat wird,
Wo aus kurz ein für immer wird,
So flach und so tiefsinnig.
Manchmal bremst, manchmal schiebst du mich.
Alles läuft, alles fließt für dich.
Hab mich heute neu verliebt in dich.


Ich hab Feierabend, frage mich, wer feiert heute mit mir?
Jemand folgt 'nem Leichenwagen, jemand reiert vor die Tür.
Irgendeine hat Geburtstag, spendiert ein Bordsteinbier.
Werd' gefragt, ob ich noch bleibe, also bleib ich erst mal hier.
Die ganze Stadt ist auf den Beinen, jetzt gehen alle Lampen an,
Wenn die Gläser nicht mehr reichen, hol die Tassen aus dem Schrank.
Wir brennen wie die Luft auf den Straßen, in den Clubs,
Bis die Lichter verschwimmen und die Nacht uns verschluckt.

Wo aus jedem Grau ein Silber wird,
Wo mein Leben so viel wilder wird,
Wo dein Hafen ein Stück Heimat wird,
Wo aus kurz ein für immer wird,
So flach und so tiefsinnig.
Manchmal bremst, manchmal schiebst du mich.
Alles läuft, alles fließt für dich.
Hab mich heute neu verliebt in dich.



Arbeitsaufträge (Einzel- und Partnerarbeit):

  1. Wen oder was spricht das lyrische Ich direkt an? Gib Beispiele aus dem Text.
    Welche Stimmung wird insgesamt übermittelt. Beschreibe sie in drei konkreten Sätzen.
  2. Gib dem Text eine passende Überschrift. Begründe deine Wahl.
  3. Partnerarbeit zum Stadt- vs. Selbstbild:
    • A) Stadtbild - Partner A: Was erfährst du alles über die Stadt? Zähle in Stichpunkten auf und erkläre die Bedeutung.
    • B) Selbstbild Partner B: Was erfährst du alles über das lyrische Ich? Zähle in Stichpunkten auf und erkläre die Bedeutung.
  4. Tausche dich mit deinem Nachbarn über das Stadt- bzw. Selbstbild aus und haltet die Ergebnisse tabellarisch fest.
  5. Deutet den Refrain.

Die Sprache der Lyrik – lyrische Sprache (Übungen)


„Der Ertrinkende schrie in höchster Not, doch niemand hörte ihn.“

Ein Dichter würde diesen Satz umbauen: „In höchster Not schrie er, ertrinkend, doch ungehört verhallt sein Ruf.“

Wenn du beide Sätze laut gelesen hast, ist dir der Unterschied bestimmt deutlich geworden. die inhaltliche Aussage ist gleich, doch allein die Wortwahl und der Aufbau machen erst den Rhythmus aus, und aus dem normalen Satz wird ein Vers.

Ändern wir ihn noch mal:

„Der Schrei war Not, schon fast ertrunken war der Mensch, ward nicht gehört bis an sein Ende.“

Auch dieser Vers hat eine andere Klanggestalt, ohne dass sich der Sinn groß ändert. Die nächsten Sätze sollst du selbst einmal versuchsweise ändern und in dichterische Verse umwandeln. Sehr nützlich ist dabei meist das Umstellen von Satzteilen und Wörtern.


„Derjenige, der mir die Nachricht bringt, soll für immer verdammt sein.“


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“Die Erde schießt durch den weiten Weltraum wie ein Schiff ohne Steuermann.“


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“Einsam sitzt sie in der Stube und beklagt weinend ihr Schicksal.“


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Nun versuche selbst, den folgenden kurzen Text umzustellen. Du kannst auch einzelne Wortendungen verändern oder Artikel weglassen.

Verteile ihn dann auf Verse, so dass ein Gedicht entsteht.


Der Rauch. Unter Bäumen am See liegt das kleine Haus. Vom Dach steigt Rauch auf. Wie trostlos wären dann Haus, Bäume und See, wenn er fehlte.


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